
Es ist einmal – nein, nicht es war einmal - ein kleines Hexenhaus in einem großen Wald, besser gesagt mehr am Rande eines großen Waldes.
Dieses Hexenhaus klebt am Hange eines Berges, gleich einem tibetanischen Kloster in unerreichbarer Höhe des Himalayas.
Umgeben ist dies Häuschen mit den höchsten und mächtigsten Bäumen, welche sich schon bei den kleinsten Windverhältnissen in bedrohlichem Maße ächzen und biegen, aufgrund dessen sich die Gewalt des Naturreiches dem sich fürchtenden Wanderers offenbart.
Aber höchst selten verirrt sich solch ein Wanderer in diese Gefilde und wenn ja, macht er einen großen Bogen um dieses sagenumwobene Häuschen und dessen ebenso umwobene Bewohnerin, denn ihr Ruf ist weithin bekannt.
Niemand weiß so richtig, wer diese Frau denn ist - nicht einmal sie selbst.
Sie lebt im Einklang mit der Natur, ist sich dessen und sich selbst bewusst und manch ein Getier wagt sich bis ganz in die Nähe des Häuschens, denn die Tiere des Waldes leben ebenso im Einklang mit der Natur wie die sagenumwobene Bewohnerin des Hexenhäuschens.
Dennoch empfängt sie ab und an wohlwollend eine Schar von Jüngern, um diese in ihre Hexenkünste einzuweihen.
Diesen Jüngern ist sie wohl gesonnen, was man bei ihr nicht zu allen Menschen behaupten kann, obwohl doch alle den Funken des Ganz-Großen-Lieben-Geistes in sich und deshalb auch seine Heiligkeit und Herrlichkeit in sich tragen.
Solcher Art von Balsamworte für die Seele aber sind ihr fremd, denn sie ist ja eine Hexe.
Eigentlich ist sie gar keine Hexe, sondern ein Mensch wie du und ich, mit einem ganz normalen Namen, nämlich Lieselotte, aber mit einer Besonderheit, die ihresgleichen sucht.
Es begab sich zu einer Zeit, als Lieselotte der irdischen Nahrung bedürftig, einen Supermarkt aufsuchte, um diesem Bedürfnis Rechnung zu tragen. Als sie so an den Regalen stand und die Auslagen betrachtete, sah sie plötzlich ein Kind vor sich stehen, welches sie interessiert beobachtete, während deren Mutter ebenso Waren in ihren Einkaufskorb legte.
„Bist du eine Hexe?“ Fragte das Kind Lieselotte, ohne eine Spur von Furcht. Das hörte auch die Mutter und kam mit hochrotem Kopf auf Lieselotte zu und entschuldigte sich für ihre vorlaute Tochter.
Lieselotte und das Kind musterten sich so von Frau zu Frau.
Andere würden an Stelle von Lieselotte der Hexe vielleicht sagen:
„Macht nix“
oder
„kann ja mal vorkommen“
oder
„nix für ungut“
oder würden vielleicht nur einen roten Kopf bekommen, weil sie doch keine Hexe, oder gar ein Hexer sein wollen, aber nicht so Lieselotte die Hexe.
Die schockiert eher noch die Mutter mit:
„Sie hat ja recht“ sodass die verdutzte Mutter große Augen bekommt.
„Kinder sagen die Wahrheit“ und verdattert schob die schockierte Mutter von Dannen, mit Einkaufswagen weit vorne, weit hinter sich herziehend ihr Kind, welches weiterhin nicht den Blick von Lieselotte der Hexe wand.
So ist Lieselotte halt doch eine Hexe und gibt dieser Zunft alle Ehre, verhält sich entsprechend hexisch, denn Hexen benehmen sich komisch, tragen aber auch Wissen in sich und tun dieses Wissen auch kund, wenn es denn sein soll. Im Falle ihrer Jünger soll es so sein.
* * *
Für den heimlichen Beobachter lebt Lieselotte die Hexe einsam und allein in ihrem Häuschen am Rande dieses großen Odenwaldes.
Doch der Mensch ist nie allein. Immer ist er umgeben von einer Schar geistiger Wesen, das heißt Wesen, nicht aus Fleisch und Blut, sondern eben geistige Wesen, die wir landläufig Schutzengel, oder Schutzgeister nennen.
Wir erinnern uns an Clearasil, den Schutzgeist von Klara, welcher sich ab und an auch mal meldete. Er wurde vom Ganz-Großen-Lieben-Geist abbeordert.
Li Mai, die Schutzgeistin von Klärus, die ja bekanntlich auf und davon ist mit Gregorius, dem windigen Mesopotamier, der ein kurzes Helfergastspiel für Klärus gab und in den sich die Li Mai dann recht schnell verguckt hatte. (Siehe „Augenblicke im Leben eines Menschen“)
Denn dieser wollte zwar Klärus wieder mal in seiner Schlacht auf Erden beistehen, hat aber gemerkt, dass der Gegner ein völlig anderer war, als zur mesopotamischen Zeit.
Denn damals, nach dem Niedergang Assyriens erstarkte Babylon zum wiederholten Male. Der König Nabopolassar besiegte schließlich Assyrien. 18 Jahre nach dem Tod Assurbanipals besiegten die vereinigten Meder und Babylonier die Heere Assyriens. Das war vor mehr als 2600 Jahren. Babylon wurde in der Folge erneut das kulturelle Zentrum Mesopotamiens. Assur und Ninive wurden vollkommen zerstört und die Assyrer verschwanden schließlich aus dem Gedächtnis der nachfolgenden Generationen, bis dieser Name aus politisch-sozialen Gründen innerhalb des assyrischen Volkes im Osten im 19. Jahrhundert n. Chr. wiederbelebt wurde.
Das sei hier nur ein kurzer Exkurs, aber was solles, das weiß doch eh jeder.
Auf jeden Fall kämpften damals Klärus und Gregorius Schulter an Schulter auf diesen Schlachtfeldern und hielten sich somit am Leben. Diese Bande gehen über den Tod hinaus und deswegen dachte sich der Ganz-Große-Liebe-Geist – denn irgendwie muss dieser ja wohl auch mal denken – dass dieser wackre Rittersmann das richtige Geistwesen zum Schutze des geliebten Klärus in dieser seiner Verkörperung sei.
Doch weit gefehlt. Statt Li Mai, der damals überforderten Schutzgeistin von Klärus beizustehen, büxte dieser Gregorius mit derselben aus und Klärus schien schutzlos. Doch es gibt keine Schutzlosigkeit im Universum des Großen Geistes. Der Schlichte Diener wurde ja schließlich Klärus zur Seite gestellt.
(Siehe „Augenblicke im Leben eines Menschen“ und „Hinterm Horizont“).
Durch diesen Schlenker in die mesopotamische Zeit erklärt sich nun, dass der Ganz-Große-Liebe-Geist zörnelnd wieder an Gregorius dachte, da dieser sträflich sein Amt missachtete, praktisch Fahnenflucht begann. Dem Namen Schutzgeist nicht würdig verdonnerte ihn nun der Große Geist, in dem er ihn Lieselotte der Hexe zur Seite stellte.
Die sei ein harter Brocken und Gregorius könne sich nun bewähren. Doch weit gefehlt.
An Lieselotte der Hexe hat sich schon mancher Mann die Zähne ausgebissen – ob im Leibe, oder vergeistigt. So auch Gregorius.
Sein geistiger Zustand ist durch sein neues Amt ein Erbärmlicher. Seine Augen schwarz gerändert sehnt er sich nach den Schlachtfeldern Mesopotamiens, denn Liselotte die Hexe scheint immun, was geistigen Beistand anbelangt.
Auf Schritt und Tritt bei ihr sein, ist für ihn die Hölle auf Erden und wenn Lieselotte die Hexe dies ständig wahrnehmen würde, würde sie ihm sicherlich nach dem Leben trachten und das ergäbe ja in seinem Fall keinen Sinn.
* * *
Unregelmäßig regelmäßig, in aller Herrgottsfrüh schreitet Lieselotte die Hexe mit einem langgezogenem „Oooooooooommmmmmm“ vor ihr Häuschen - mehr oder weniger missgestimmt, denn sie hat die Nacht wieder nicht geschlafen. So lang ist dieses Ooooommm nicht, denn nach ein paar Ooo`s bekommt sie einen Hustenanfall und muss erst Mal das zu Tage fördern, was die Atmung schwer machen wollte. Die nächsten Oooooos sind dann schon vermehrt und nach mehreren Widerholungen von Ooo``s und Husten, werden die Ooo``s mehr und der Husten weniger.
Als Erstes atmet sie wieder tief durch, denn Atem ist Leben, dann zündet sie sich eine Zigarrette an und atmet wieder - dieses Mal nicht wieder tief - durch, denn Zigarrette ist Tod. Aber der gehört mit zum Leben.
Nach ein paar Zügen macht sie die Zigarrette vorsichtig wieder aus - wegen dem frühen Ableben und lagert sie an Ort und Stelle, wo sie den Stummel wieder findet, denn Lieselotte die Hexe ist ein sparsamer Mensch und lässt nix verkommen.
Dann stellt sie sich in Position, Richtung aufgehender Sonne und beginnt zu singen:
„Aaaaatem ist Leeeeeben, Atem ist Kraffft
Aus Aaaaatem ist Himmel und Eeeeerden gemacht“
Dann hustet sie wieder wie verrückt und schimpft:
„So ein Blödsinn - Himmel - wenn ich das schon höre - Himmel - das gibt’s doch gar nicht - Himmel“
So bruddelt sie noch ein bisschen in einem fort und regt sich wieder über Sprachen auf, aber dann singt sie weiter - indem sie ihre Position Richtung Osten korrigiert:
„Aaaaatem hält jung, gibt Gesundheit und Muuuut
Reinigt von Krankheit das Bluuuuuuut“
Das wiederholt sie mehrere Male, indem sie anfangs tief einatmet, dann in einem langen gedehnten Ein- und Ausatemzug mit erst hängenden Armen, diese langsam nach aussen und bis nach ganz oben streckt und bei der zweiten Hälfte des Liedes wieder nach unten führt. Der Hustenanfall am Anfang wird somit immer weniger, bis die große morgendliche Reinigung der Lunge beendet ist.
Zum Schluss nochmals:
„Aaaaatem ist Leeeeeben, Aaaaatem ist Kraffft
Aus Aaaaatem ist Himmel und Eeeeerden gemacht
Aaaaatem hält jung, gibt Gesundheit und Muuuut
Reinigt von Krankheit das Bluuuuuuut“
„so ein Quatsch“ Will sie schon wieder anfangen, denn Worte sind Schall und Rauch und können ihrer Meinung nach nie das ausdrücken, was wahrlich gemeint ist. Schon gar nicht wenn es um die allumfassenden kosmischen Wahrheiten geht.
„Na ja….“ hört sie dann auf zu lamentieren und ergeht sich in des Waldes Flur, gleichmäßig tief atmend in gemäßigtem Schritt.
In den Wipfeln der großen Fichten raunt der Wind, die Vöglein zwitschern um die Wette und ab und zu huscht ein scheues Rehlein durchs nahe Dickicht. Alles scheint friedlich - im Einklang der Natur.
Lieselotte die Hexe übt sich im Nicht-Denken, zumindest versucht sie nichts zu denken, denn im Nicht-Denken liegt alle Kraft.
Doch plötzlich merkt sie, Nicht-Denken geht nicht. Jetzt zumindest nicht. Sie verspürt einen Adrenalinschub, der ein Ende der Gelassenheit einleitet.
Lieselotte die Hexe denkt an Klärus. Wenn sie an nichts Böses denken will, fällt ihr Klärus ein. Dann hat sie den Salat.
Sie hat sich vorgenommen, nicht mehr an Klärus zu denken, den Klärus, der einen völlig heruntergewirtschafteten Körper hat und sogar noch Bücher geschrieben hat, welche sie immer noch mordsmäßig aufregen, mit einer saublöden Sprache und saublöden Begriffen wie einen Großen Geist. Der regt sie ganz besonders auf.
Klärus am Morgen - bringt Kummer uns Sorgen. Wenigstens für Lieselotte der Hexe, denn Klärus Leben versteht sie nicht. Da hat sie was gemein mit der Schwiegermutter von Klärus, die etwas älter ist als Lieselotte die Hexe, aber auch in einer Zeit groß wurde, als es den Begriff eines „unwerten Lebens“ gab.
Also ist es aus mit dem Einklang und das ist gut so, denn das Leben ist eine Auseinandersetzung mit den dunklen Tiefen des Seelengewahrseins.
Diese Texte sind Auszüge aus dem Manuskript für das neue Buch mit dem evt. Titel: "Klärus und die Blaue Blume"
Sie sind noch nicht vollständig und werden noch ergänzt.
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